Alltags-Rollen

vom Rollen spielen und Rollenspielen

All the world’s a stage. Wir alle spielen im Alltag ganz unterschiedliche Rollen. Trotzdem ist der Satz „Du spielst doch nur eine Rolle!“ in den meisten Fällen als Vorwurf gemeint. Er impliziert, dass wir nicht wir selbst sind, uns nicht so verhalten, wie wir „wirklich“ sind, oder uns absichtlich verstellen. Doch Rollen sind keine Masken. Während die Maske etwas von uns verbirgt, lenkt die Rolle den Blick auf einen Teil von uns, der in anderen Situationen im Hintergrund bleibt. Eine Rolle macht uns nicht weniger „wir“. Sie macht lediglich einen bestimmten Teil von uns sichtbarer.

Wenn wir im Alltag Rollen einnehmen, fällt uns das kaum auf. Ganz selbstverständlich stellen wir uns auf die Anforderungen ein, die bestimmte Rollen mit sich bringen: wir verhalten uns unserer Chefin oder dem Arbeitskollegen gegenüber in der Regel anders als unserer Partnerin oder unseren Freunden. Im Kino benehmen wir uns anders als im Kaffeehaus. Trotzdem sind wir keine andere Person oder verstellen uns. „Wir selbst“ sein bedeutet nicht, monolithisch überall dieselbe Person zu sein. Es bedeutet, dass wir in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Seiten unserer Person leben können.

Wenn wir gewisse Rollen über eine längere Zeit hinweg einnehmen, können sie zur Gewohnheit werden. Das kann durchaus Vorteile haben: Eine eingespielte Rolle schenkt uns Sicherheit und Klarheit, weil wir uns nicht in jeder Situation neu orientieren müssen. Problematisch wird es erst, wenn sie erstarrt und uns in ein Korsett aus Erwartungen zwängt. Wenn aus der Entlastung Enge wird. Wir bestimmen dann nicht mehr unsere Rolle, sondern die Rolle bestimmt uns.

Die Entscheidung von Erwachsenen, ganz bewusst in eine andere Rolle zu schlüpfen, kann Unbehagen auslösen. Dabei ist es zumeist nicht der Rollenwechsel an sich, der uns irritiert, sondern der Kontext, in dem er stattfindet. Wenn der seriöse Bankmanager am Wochenende in seiner Amateur-Theatergruppe den Hamlet verkörpert, finden wir das okay – Theater hat ja immerhin einen gewissen Anspruch. Würde sich derselbe Bankmanager für die ComiCon als Thor verkleiden, als bestrumpfhoster Troubadour auf Mittelalterfestivals edle Damen besingen oder sich als Elfe gemeinsam mit anderen Helden durch Fantasy-Welten würfeln, würden wohl manche die Stirn runzeln. Vielleicht, weil Theater als „kultivierte“ Form des Spiels gesellschaftlich anerkannt ist, während Rollenspiele noch häufig belächelt und abgetan werden.

Möglicherweise ist es das Wörtchen „Spiel“, das uns hier befremdet – weil wir es gerne mit Kindheit und Naivität assoziieren und mit Belanglosigkeit verwechseln. Dabei ist Spielen eine der ursprünglichsten Arten, die äußere und innere Welt zu erforschen. Wenn wir beim Rollenspiel in andere Rollen schlüpfen, lassen wir nicht unser „wahres Ich“ zurück – wir richten lediglich den Scheinwerfer auf einen weniger präsenten Teil von uns selbst, der trotzdem immer auch da ist. Wir können nichts „spielen“, was nicht bereits in uns angelegt ist.

Rollenspiele bieten die Möglichkeit, sich mit den Seiten von uns bekannt und vertraut zu machen, die im Alltag vielleicht ein bisschen zu kurz kommen. Der bewusste Schritt aus dem Altbekannten und oft Bewährten kann zunächst durchaus herausfordernd sein. Wenn wir im Beruf oder in der Familie eine eher vermittelnde Rolle innehaben, kann es sich anfangs „unnatürlich“ anfühlen, im Rollenspiel plötzlich eine unbeirrte Anführerin zu sein. Wenn wir im Freundeskreis für unseren Geist und Witz bekannt sind, ist die Rolle des mäßig intellektuellen Haudraufs für uns zunächst eine ungewohnte. Doch genau hier – zwischen dem Bekannten und dem Ungewohnten – entstehen neue Möglichkeiten.

Das Besondere am Rollenspiel ist vermutlich gar nicht, dass wir in andere Rollen schlüpfen. Das tun wir im Alltag ohnehin ständig. Das Besondere ist, dass wir uns dabei immer wieder die Zeit nehmen, ganz bewusst über unsere Rollen nachzudenken und sie zu hinterfragen. Vielleicht können wir uns diese Zeit auch im Alltag ab und zu nehmen – damit uns unsere Rollen nicht einschnüren, sondern (Spiel-)Raum lassen.

Im nächsten Beitrag beginnt die Reihe Dungeons, Dragons & das Leben. Gemeinsam begeben wir uns auf Entdeckungsreise ins D&D-Universum. Stay tuned.