ein gutes Leben trotz allem

Ein gutes Leben bedeutet für mich Verbundenheit, Verantwortung und Freiheit. Zum „guten Leben trotz allem“ haben mich drei Ideen aus Politik, Philosophie und Psychologie inspiriert, die ich sehr mag: das universell-solidarische gute Leben für alle, die Unmöglichkeit, unter gesellschaftlich falschen Umständen „richtig“ zu leben, und der bewusste, mitunter fast schon rebellische Akt des Einzelnen, trotzdem Ja zum Leben zu sagen.

Das Konzept des guten Lebens, des Buen Vivir, geht auf indigene Andenvölker zurück und beschreibt das Bewusstsein, dass Mensch, Gemeinschaft und Natur verbunden sind. Diese Verbundenheit ist die Grundlage für ein gutes Leben in Fülle, das nicht von Besitz, sondern von Beziehungen geprägt ist. Im Zuge der Proteste gegen Globalisierung und Ausbeutung hat diese Philosophie ihren Weg nach Europa gefunden. Sie erinnert mich daran, dass unser gutes Leben hier nicht losgelöst vom guten Leben anderer Menschen gedacht werden kann. Unser Wohlstand, unsere Freiheit und unser Konsum hängen immer auch mit den Lebensrealitäten anderer Menschen zusammen – und gerade als Bewohnerin des globalen Nordens ist es mir wichtig, mir meine Privilegien, die auf historisch gewachsener Ungleichheit beruhen, bewusst zu machen. Verbundenheit bedeutet für mich auch, füreinander Verantwortung zu übernehmen: Das gute Leben der einen soll nicht auf Kosten der anderen gelebt werden. Das Buen Vivir als Philosophie der Verbundenheit ermöglicht uns, diese großen Zusammenhänge nicht aus dem Blickwinkel der Schuld zu betrachten, sondern aus dem der Verantwortung.

Das Private ist politisch, davon bin ich überzeugt. Und umgekehrt ist auch das Politische privat. Viele vordergründig persönliche Probleme oder individuelle Herausforderungen hängen tatsächlich mit gesellschaftlich gewachsenen Strukturen und Machtverhältnissen zusammen. Der Philosoph Theodor W. Adorno meint, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt: Solange die gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich falsch, ungerecht und entfremdend sind, kann auch der oder die Einzelne nicht vollständig richtig oder ethisch integer leben. Ich stimme Adorno zu: Wir leben nicht losgelöst von den Systemen und Strukturen, von denen wir ein Teil sind und die damit, wohl oder übel, auch zu einem Teil von uns werden. Das bemerken wir möglicherweise an politischen Glaubenssätzen und Zynismen, die uns tagtäglich umgeben und die sich unmerklich in unserem Denken verfestigen. Adorno erinnert uns daran, dass Verantwortung nicht beim Individuum endet, sondern auch gesellschaftliche Strukturen umfasst – nicht alles liegt in unserer eigenen Hand. Seine Feststellung, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt, ist jedoch kein Aufruf zur Resignation. Im Gegenteil: Es ist eine Aufforderung, hinzuschauen und dort Verantwortung zu übernehmen, wo es möglich ist. Denn wir leben nicht einfach nur in einem System, sondern sind eben selbst ein Teil davon. Die Entscheidung, ob wir es passiv mittragen oder aktiv mitgestalten möchten, liegt bei uns. Und selbst, wenn es kein richtiges Leben im falschen geben mag, bin ich überzeugt, dass ein gutes Leben möglich ist.

Wie dieses gute Leben für den Einzelnen aussieht, ist eine Frage, mit der sich Viktor Frankl beschäftigt hat. Ein gutes, gelungenes Leben ist für ihn nicht zwangsweise ein einfaches oder angenehmes, sondern ein sinnvolles. Er stellt dabei die Sinnfrage quasi vom Kopf auf die Füße: möglicherweise geht es nicht darum, welche Pläne für und Erwartungen an das Leben wir haben, sondern darum, was das Leben von uns will. Viele kennen sein Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“, in dem er seine persönlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen in Theresienstadt, Auschwitz und Dachau schildert. Frankls Eltern, sein Bruder und seine schwangere Gattin wurden in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet. Frankl hat in einer außergewöhnlichen Tiefe erfahren, dass vieles im Leben nicht in unserer Macht liegt und Leid unvermeidbar ist. Er ist aber überzeugt, dass unsere persönliche Haltung nie vollständig von den Umständen bestimmt ist: zwischen dem, was uns widerfährt, und unserer Antwort darauf gibt es einen Raum der Freiheit. Und diese innere Freiheit ermöglicht uns, im Sinne unserer Werte Haltung zu zeigen und zu handeln. Frankl betont dabei die Bedeutung von Selbstwirksamkeit und Verantwortung – nicht nur uns selbst, sondern auch unserem Umfeld gegenüber. Ein sinnvolles Leben orientiert sich an unseren Fähigkeiten und Werten, ohne dabei die Menschen und die Welt um uns herum aus dem Blick zu verlieren.

Was also ist ein gutes Leben? Möglicherweise ist es ein Leben in Verbundenheit – mit uns selbst, anderen Menschen und der Umwelt, in der wir leben. Womöglich ist es ein Leben in dem Wissen, dass vieles nicht in unserer Macht liegt und Leid unvermeidbar ist. Vielleicht beginnt das gute Leben dort, wo wir entdecken, dass Freiheit nicht in den Umständen liegt, sondern in unserer Antwort auf sie. Das gute Leben ist vielleicht nicht richtig oder einfach, aber im besten Fall stimmig und sinnvoll. Und möglicherweise ja trotzdem – oder deshalb – (oder ganz adverbienlos!) glücklich.